Israel – und die konditionierte, deutsche Presse

Eine Stichprobe quer durch die deutsche Medienlandschaft hat einen Anfangsverdacht erhärtet: die deutsche Presse hat sich vermutlich verabredet, bestimmte Fakten in Bezug auf die Krise und Eskalation am haram al-Sharif ("Tempelberg") vollständig zu unterdrücken.Mitunter muten die Veröffentlichungen demjenigen, der ein wenig von der Materie versteht, unfreiwillig komisch an; manche Sätze wirken derart verrenkt, dass man den Rotstift des Chefredakteurs direkt vor Augen sieht.

(Quelle, als Beispiel: DIE ZEIT)

Lissy Kaufmann berichtet für DIE ZEIT aus Tel Aviv, und sie tut das ganz im Sinne der deutschen Bedürftigkeit und "rein zufällig" auf eine Art und Weise, die dem deutschen Bundeskanzler- und Außenamt wohlgefällig sein muss.
Wir erinnern uns: sowohl dem Bundeskanzler- als auch dem Außenamt war der Umstand, dass eine komplette, deutsche Familie (ja, mit deutschen Pässen!) beim letzten Massaker der Israelis im Gaza-Streifen durch israelischen Artilleriebeschuss eines Wohngebietes zerrissen worden ist, höchst unangenehm. Das war 2014. Bis heute, drei Jahre später, haben es die genannten Behörden unterlassen, die restlichen Familienmitglieder in Deutschland über den Tod ihrer Angehörigen in Kenntnis zu setzen. Das ist ein schwerer Bruch aller Usancen – und ohne Beispiel.
Ursache dafür war, dass es der Bundeskanzlerin ungeheuer unangenehm gewesen wäre, bei offiziellem Zurkenntnisnehmen dieser Todesfälle ihrer Landsleute in Israel mit Forderungen und Kritik vorstellig zu werden.

Aber Lissy Kaufmann erspart dem Bundeskanzleramt solche Sorgen. Ihre "Bericht"-Erstattung ist derart verrenkt und daher beinahe sachlich falsch, dass kaum noch jemand Anstoß daran nehmen kann, wenn er kein gutes Wissen zur Lage mitbringt.

Kaufmann arbeitet durchaus geschickt. Sie versteht es, einen politischen in einen religiösen Konflikt umzumünzen und zugunsten religiöser Schreierei internationale, nüchterne Verträge in ihrer Existenz vollkommen zu unterdrücken:

Doch wer die Region kennt, weiß, dass die Reaktionen der Muslime zu erwarten waren, wenn auch nicht unbedingt in der Härte, in der sie sich zeigten.

Es dreht sich hier schwerpunktmäßig überhaupt nicht um Religion – und so ist der Bezug auf "Muslime" einerseits sachlich ganz einfach falsch und andererseits nur Ausdruck für den Versuch, der Auseinandersetzung eine größere Portion Irrationalität zu verpassen, die auch gleich den Muslimen zugeschrieben wird. Nirgendwo etwa erwähnt Kaufmann, dass es extremistische Juden in der jüngeren Vergangenheit waren, die absichtsvoll geltende Verträge brachen und dadurch provozierten.

Kaufmann baut diesen Gedanken genüsslich aus:

Denn jede noch so winzige Veränderung am Tempelberg, diesem religiös höchst umstrittenen Ort, kann die Massen auf die Straßen treiben.

Sie baut ganz einfach auf den Vertrauensbonus, den Deutschland Israel entgegenbringt; der wird ja auch nicht zuletzt dadurch valide und stark gehalten, dass Israel keine einzige Gelegenheit verabsäumt Deutschland an seine historische Schuld zu erinnern. Die Wunde soll bluten.
In deutschen Köpfen soll sich die Idee einbrennen, das alles immer gut ist, was Israel tut. Dass israelische Politiker, ob sie auch durch Vergewaltigungen und Korruption in die Schlagzeilen geraten, grundsätzlich immer integere Leute sind, die nichts als alles Gute für alle wollen.

Und dann raunt Kaufmann etwas ganz Geheimnisvolles:

Der Berg, auf dem heute die Al-Aksa-Moschee steht, ist der drittheiligste Ort der Muslime. Sie sehen in den Metalldetektoren eine Verletzung des fragilen Status quo.

Huch! Ein "fragiler Status quo"!
Was sie wohl damit meint?
Erstens: was macht diesen rätselhaften "Status quo" wohl "fragil"? Könnte es wohl doch sein, dass die Nerven der Palästinenser, denen dieser Ort vertraglich zugestanden ist und der unter der Hoheit Jordaniens steht, wegen wiederholter Angriffe durch extremistische Juden blank liegen? Ist das die Antwort auf die Frage, weshalb die Lage dort "fragil" sein könnte? Kaufmann beantwortet uns diese Frage lieber nicht; sie baut offensichtlich darauf, dass kaum ein Leser die genaue Geschichte, die Verträge und den Charakter des israelischen Vorgehens kennt.

Und was ist denn der "Status quo"?
Möchte DIE ZEIT und mit ihr Kaufmann, dass ihre Leser verstehen sollen, dass die Muslime nur aufgrund der großen Gnade Israels überhaupt Zutritt INNERHALB ihres eigenen Territoriums erhalten? Ich vermute eher, Kaufmann erklärt das verschwurbelte "Status quo" zur rosa Schmusedecke mit der erstickt werden soll, dass hier Israel den aggressiven Ton hereinbringt und permanent geltendes Recht bricht. Wenn "Status quo" bedeuten soll: "Freut euch, dass wir euch überhaupt in eure eigene Stadt lassen!", dann leistet Kaufmann Israel einen Bärendienst.

Selbst dem israelischen Geheimdienst Shin Bet ist zwischenzeitlich klar geworden, dass Israels Aktionen gegen den Gaza-Streifen und die Palästinenser nur noch sehr schwer und oftmals gar nicht mehr der Welt zu verkaufen sind. Alle Beteiligten ahnen längst, dass die Stunde der Wahrheit immer näher rückt, die Kritik an Israels Rassismus immer lauter wird und alle Tarnungs- und Täuschungsversuche ihr Ende finden.

Vertreter der Waqf hatten in den Tagen vor der Entscheidung bereits deutlich gemacht, dass sie sich auch mit neuen Sicherheitsmaßnahmen am Tempelberg nicht zufriedengeben werden.

Hier soll die Idee in den Köpfen der Leser geboren werden: "Meine Güte! Immer diese Palästinenser! Was wollen die denn jetzt noch?"
Und genau dieser Leser soll keineswegs auf die Idee kommen, dass da vielleicht Israel schuld an der Situation und der Aggressor ist.

Das mediale Verrenken der Lage zugunsten Israels (und, im vorliegenden Fall eben auch Deutschlands!) nimmt sogar noch weitaus groteskere Züge an:

Israel ist einen Schritt in Richtung Deeskalation gegangen – und hat parallel dazu in der Nacht zum Dienstag eine diplomatische Krise mit Jordanien abgewendet: Dort hatte am Sonntag ein israelischer Wachmann der Botschaft in Amman einen jordanischen Angreifer erschossen, ein weiterer Jordanier kam bei dem Vorfall ums Leben.

"Israel ist einen Schritt in Richtung Deeskalation gegangen" – wow. Das liest sich, als hätte da jemand die Aggession eines anderen beschwichtigt. Dabei ist das exakte Gegenteil der Fall. In den letzten Monaten reiht sich eine schwere Provokation an die nächste; der Übergriff auf den "Tempelberg" reiht sich da nur als eine von vielen Aktionen Israels ein.
Da sollen alle islamischen Gebetsrufe wegen des "Lärms" verboten werden, gleichzeitig aber ziehen Gruppen religiöser Juden durch die Städte und stoßen laut in ihre Hammelhörner. Da wird Palästinensern das Zeigen und Tragen ihrer Fahne strikt untersagt, man ebnet einen historisch höchst interessanten und islamisch bedeutenden Friedhof ein, trägt Sorge dafür, dass die Knochen möglichst entweder vernichtet, in den Müll geworfen, oder achtlos durcheinander in ein paar Kartons geworfen werden – diese Botschaft war Israel besonders wichtig, weil sie die Überreste historisch sehr bekannter, islamischer Persönlichkeiten direkt betraf. Um das Maß voll zu machen und ein Optimum an Zynik dabei an den Tag zu legen, baute man ein jüdisches Museum und einen Parkplatz auf die Fläche.

Einer der erschossenen Jordanier ist ausweislich seiner Geschichte, des Grundes seines Dortseins und der Aussage seines Vaters keinesfalls eines Anschlags auf einen israelischen Soldaten schuldig, und daraus resultierte die Verhärtung im Verhältnis zwischen Israel und Jordanien. Der Vater des Erschossenen drängt auf eine unabhängige Untersuchung, er fordert Aufnahmen von Überwachungskameras ein. Er wird sie wohl nie bekommen.
Israel mag das nicht. Es hat Angst vor Kameras. In einem reportierten Fall überfielen israelische Soldaten den Inhaber eines Shops, an dessen Außenwand eine solche Kamera hing und die theoretisch die willkürliche Erschießung von mehreren palästinensischen Jugendlichen hätte beweisen können. Dumm daran waren gleich mehrere Dinge: zum einen verfügte der Shop auch im Inneren über eine solche Kamera, und die zeichnete die Bedrohung und das Verprügeln des Shopbesitzers auf. Die Aufnahmen, deren Herausgabe die Soldaten erzwingen wollten, waren nicht mehr verfügbar, weil sie rechtzeitig gesichert werden konnten und sich nicht mehr im Zugriff der Soldaten oder des Shopbesitzeres selbst befanden.
Anhand dieser Aufnahmen fertigten Londoner Forensiker ein Gutachten an und enttarnten einen israelischen Soldaten, der allerdings tatsächlich zumindest einem Jugendlichen absichtsvoll und gezielt auf große Entfernung in den Rücken geschossen hatte. Die gleichen Aufnahmen machten auch alle Ausflüchte unmöglich, der Jugendliche sei vielleicht aggressiv gewesen und/oder hätte jemanden oder etwas angegriffen. Man sieht ihn auf dem Film gemächlich schlendern, als ihn die feige Kugel traf.

Die Journalisten Lissy Kaufmann und ihr Arbeitgeber, DIE ZEIT, sind beileibe keine unrühmlichen Ausnahmen, sondern im Kreis höherrangiger, deutscher Medienvertreter in bester Gesellschaft. Die Haltung, den wahren Status und die permanenten Verbrechen Israels nach Kräften zu tarnen, eint sie alle.
Und kaum jemand von ihnen versteht, dass die Tage bald enden werden, an denen das (noch) den gewünschen Erfolg hatte. Den Preis dafür zahlen dann Zehntausende Araber und Tausende von Israelis.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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