Jemen – Friedhof im Schatten

Seit etwa fünf Jahren rast der Krieg durch den Jemen.Bisher haben alle europäischen Länder gut bis sehr gut daran verdient und nur, wenn die Hintergründe des Profites öffentlich allzu peinlich wurden, zog man sich wieder um Fingerbreite zurück.
Beispiel England: Dort produziert man eine hoch effektive Waffe, die im militärischen Jargon auch "kleine Atomwaffe" genannt wird. Es handelt sich um eine "Cluster-Bombe", die als Granate in einiger Höhe explodiert und viele sogenannte "Bomblets" auswirft. Diese Mini-Bomben detonieren ihrerseits knapp über Bodenhöhe und strahlen hunderte von Schrapnells in die Runde. Die Wucht dieser kleinen Metallstücke zerreißt und zerschlägt im Wirkungsbereich unterschiedslos alles.

Wikipedia:

"Nach dem Vorbild der Kampagne gegen Landminen, die 1997 mit dem Friedensnobelpreisausgezeichnet wurde und ein völkerrechtliches Verbot von Landminen erreichte, wurde 2003 eine internationale Koalition, die Cluster Munition Coalition (CMC), von zivilgesellschaftlichen Gruppen ins Leben gerufen, um die Regierungen der Welt zu einem Verbot zu bewegen. Die Kampagne stellte insbesondere die zivilen Opfer und die über den Konflikt hinaus von Streumunition ausgehende Gefahr in den Mittelpunkt."

Beinahe alle NATO- und viele europäische Staaten haben sich zu einem Verzicht und Verbot dieser Munition bekannt. Selbst Deutschland, für seine Ingenieurskunst in Waffendingen und Verliebtheit in Waffengeschäfte global bestens bekannt, stellte Herstellung und Lagerung dieser Munition im Jahr 2008 endgültig ein.
England nicht. Es produzierte und lieferte diese Bomben weiter – und zwar an Saudi-Arabien. Die wiederum setzten diese Waffe im Jemen großzügig ein und zerstörte damit ein Dorf nach dem anderen.

Deutschland hat in Bezug auf Jemen das deutlich kleinere Tortenstück vom Waffengeschäft für sich retten können, nachdem bekannter- wie peinlicherweise ein sehr üppiger Leopard-Panzerdeal mit Saudi-Arabien platzte. Was hat unsere Bundeskanzlerin damals über die "geleakten" Informationen geschimpft! Dabei wäre es so schön gewesen! Es drehte sich ja nicht nur über eine "Grundausstattung" der Panzer, es wäre direkt eine Zusatzausrüstung mitgeliefert worden, die an die Front der Leoparden montiert worden wäre: sie sieht aus wie ein riesiger Schneeschieber. Eigens dafür gebaut, Menschenansammlungen auseinanderzuschieben. Zusätzlich gehört ein auf dem Turm zu montierendes Maschinengewehr zum Ausstattungspaket dazu. Aber daraus wurde ja nichts – da die Bevölkerung ärgerlicherweise informiert worden war, klappte es nicht mit der schönen Heimlichkeit.

Die Bundesregierung ist ja kraft Amt sowieso nicht nur automatisch und grundsätzlich unverdächtig, sondern gehört nach eigener Aussage zu den "Lieben" – und nicht zu den "Bösen". Liebe Leute können gar nicht lügen. So muss man der Regierung auch notwendigerweise alle Ausflüchte in Bezug auf das Waffenlizenz-Geschäft um das berühmte "G3"-Gewehr abkaufen. Üblicherweise werden solche Lizenzen mit der Auflage vergeben, dass die damit hergestellten Waffen keineswegs zu Menschenrechtsbrüchen oder auf einem anderen Territorium als dem des Lizenznehmers zum Einsatz kommen dürfen. Aber "rein zufällig" natürlich hatte man genau diese (!) Bestimmung bei der Lizenzvergabe an Saudi-Arabien "vergessen". Tja, Sorry, aber wir können doch jetzt gar nichts dafür, wenn mit unseren Waffen völker- und menschenrechtswidrig ganze Völker ausradiert werden?!

Das Muster "Wir wissen von nix und sind an nix schuld!" hat sich ja bereits in Ägypten bewehrt. Dorthin lieferte man in den Zeiten der größten Unruhen Kleinwaffen nebst Munition, denn man stirbt bekanntermaßen durch nichts angemessener als durch deutsche Waffen. Die sind auch welche, wenn sie keine sind: der ägyptische Lizenzbau eines deutschen Schützenpanzers diente zum Zerquentschen von Demonstranten.

Zurück zum Jemen: wir haben keine Lust auf dieses Land.
Es ist für uns bloß Entsorgungszentrum für die Waffenindustrie; was dort gegen die Zivilbevölkerung verbraucht wird, liefern wir zackig an Saudi-Arabien nach.
Aber da geht natürlich mehr. Im Moment beziffert sich die Zahl der Choleraerkrankten nur auf etwa 200.000, weil jede Infrastruktur und Nahrungsmittelversorgung komplett durch unsere europäischen Waffen zerschlagen ist. Es warten weitere 750.000 auf ihre Ansteckung … und Medikamente gegen Cholera sind nicht ganz billig.
Was dabei stört, sind die hässlichen Bilder verhungernder und toter Babies – denn das sind keine Kunden. Die sind häufig gestorben, ohne dass einer unserer Verkaufsartikel sie getötet hätte und somit unterbleibt der Nachkauf von Munition für diese Toten.

Seien wir unserer Presse dankbar, dass sie uns allzu detaillierte und bebilderte Berichte darüber erspart, wie die saudischen Einsatzkräfte ganze Landschaften mit unseren Waffen total zerstören und gezielt wie absichtsvoll jede Infrastruktur vernichten. Es mag ja sein, dass man neben den angeblich angepeilten Houthi-Rebellen auch gleich alle (!) Zivilisten im Einsatzgebiet zerreisst … aber dann ist da doch wenigstens Ruhe.
Wir haben ja auch längst gar kein Problem mehr mit Trümmerlandschaften, in denen verkohlte Leichen herumliegen und die, die (noch) nicht tot sind, verzweifelt schreiend mit bloßen Händen in den rauchenden Ruinen unserer Bomben nach ihren Kindern graben. Es war Israel, welches uns seit mindestens 2009 mit zahllosen Bildern von seinen "Einsätzen" im Gaza-Streifen bedient und letztlich abhärtet. Wir kennen sie doch längst, die vielen Fotos von blutenden Fleischklumpen, die einmal Kleinkinder gewesen sind und von alten Menschen, die tonlos weinend und verzweifelt auf die Ruinen blicken, in denen sie ihre Familien vermuten. Wir vermeiden schon seit Jahren routinehaft jeden Blick in die Gesichter, die uns direkt und anklagend anschauen.
Meine Güte – und was ist das schon, der Jemen?
Verzichtbar wie Palästina! Ein unfruchtbares Stück Wüste mit ein paar verlausten Muslimen darin, die für Weihrauch an Bäumen kratzen und zwei Esel ihr eigen nennen.

Schließlich ist der Spaßfaktor an all den syrischen Opfern auch nur äußerst gering, zumal man vor Beginn der kriegsauslösenden Waffenverkäufe leider ungeschickterweise vergessen hatte, im Vorfeld (!) alle möglichen Fluchtwege für die Bevölkerung zuzunageln.
Wie dumm! Wenn man warm sanieren und unangenehme Anspruchsteller beseitigt haben will, dann zündet man das Dach eines Hauses an, nachdem (!) man die Außentüren und -Fenster alle zuverlässig zugeschraubt hat!
Und jetzt haben wir den Salat! Jetzt stehen die doch tatsächlich vor unserer eigenen Haustür und schauen uns mit großen Augen an. Wie konnte es nur soweit kommen? Warum glotzen uns die Arbeitsergebnisse unserer Produkte jetzt persönlich an? Müssen wir uns das antun? Wirklich? All diese unschönen Berichte, Tränen, Bilder … die nicht mehr nur als Randnotiz in einer Zeitung stehen, die man zerknüllen und ungelesen fortwerfen kann, sondern in Fleisch und Blut vor unserer eigenen Haustür? Und sie schauen uns an, einfach so, meist schweigend, manchmal weinend. Wir kennen all ihre Fragen, die sie uns nicht stellen, aber dennoch haben. Das muss aufhören! Kann man denn nicht in Ruhe sein Geld verdienen?

Sollen sie doch sterben – und damit uns weder Appetit noch Spaß vergehen, bitte leise und möglichst ohne Bilder. Denn unschön sind sie ja irgendwie doch, diese Bilder, die im Grunde Leistungs- und Erfolgsbeweise unserer Waffenindustrie sind. Ein wenig zu unschön, als dass wir offen stolz auf deutsche Ingenieurskunst sein könnten.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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