Wahlkampf – und „deutsche Kultur“

Nach der ersten Empörung wegen des gezielt von Gauland platzierten, verbalen „Ausrutschers“, der von der Entsorgung von Menschen sprach, hat längst die Relativierung und dadurch die Bestätigung Gaulands sozusagen durchs rhetorische Hintertürchen eingesetzt.

Gemeinschaftlich gefällt man sich nun in der Empörung über die Aussage von Frau Aydan Özoguz, sie könne kaum bis gar keine „deutsche Kultur“ im Land finden.

Und nun lässt „DIE ZEIT“ mit Theo Sommer einen Zuspitzer von rechts von der Kette, der so unglaublich viel Verletztheit über Özoguz‘ Worte erkennen lässt, dass dahinter das „Entsorgen“ von Menschen beinahe verschwindet.
Um sich genau diesem Verdacht zu entziehen, schreibt Sommer eilfertig zu Beginn:

„Es wäre schlimm genug gewesen, hätte der notorische Volksverhetzer Gauland gesagt: nach Anatolien entsorgen“. Aber er verstieg sich zu der Formulierung „in Anatolien entsorgen“. Man kann, ja muss das als Aufforderung zum Mord verstehen.“

Nach weniger als zwanzig Zeilen war damit die ultimativ abzufordernde „Empörung“ über Gauland abgefrühstückt. Sommer glaubt geliefert zu haben was notwendig war um notdürftig seine Sympathie für Gauland zu verbergen. Sehr notdürftig.
Denn er holt dann zu einem massiven Gegenschlag aus und bemüht, was immer in Schulbüchern, den Hirnen von Humanisten, einschlägigen Romanen und Werken deutscher Denker zu finden ist.

Zunächst und eingangs legt er den verbalen Stein des Özoguz’schen Anstoßes dar:

„Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht zu identifizieren.“

… um dann direkt darauf zu antworten:

„“Schlicht“ mag die deutsche Kultur in der Tat nicht identifizierbar sein.“

Sommer selbst scheint überhaupt gar nicht klar zu sein, dass er erstens Özoguz damit bestätigt, denn bekanntermaßen ist ein guter Teil der deutschen Bevölkerung intellektuell sehr, sehr „schlicht“ ausgeformt.
Ein Land, dass sich darin gefällt, nationale Denkergrößen mit Kinofilmen zu ehren, die sich posthum am Intellekt rächen, der sie zu Schulzeiten von wesentlich wichtigeren Dingen wie Fußball und Bier abgehalten und gequält haben („Fuck ju, Göthe“)
Ein Land, deren Bürger es ganz unglaublich lästig finden, sich mit Themen befassen zu sollen, die nichts mit reinem Konsum und Parties zu tun haben und Verantwortung verlangen.
Ein solches Land wird sich die Frage stellen lassen müssen, was es denn in seinem täglichen Tun überhaupt noch als „Kultur“ definiert – und da ist das Ende jenseits von Schützenfest, Schweinehaxe und Oktoberfest im Alkoholdelirium, Fußball-Hooligans und Hartz-IV sehr, sehr schnell erreicht.
So schnell, dass sich die Bürger sogar empört dagegenstellen, wenn dieser Umstand von konservativen Politikern wie Jens Spahn aufgrund der anwachsenden Zahl von Anglizismen und deren Verballhornungen in der Alltagssprache beklagt wird.

„Viele große Geister haben sich an dem Thema abgearbeitet: Goethe und Schiller, Friedrich Nietzsche und Thomas Mann, Theodor Adorno und Karl Jaspers; zuletzt hat Dieter Borchmeyer im Frühjahr sein 1.055 Seiten dickes Werk Was ist deutsch? vorgelegt.“

Ja und?
Was hat das mit einer „deutschen Kultur“ zu tun, wenn sich intellektuelle Historiker um die Aufnahme des immensen, kulturellen (Dach-) Schadens in Deutschland bekümmern und beweinen, was alles nieder- und untergegangen ist? Wenn sich ein Borchmeyer weinend über die Trümmer dessen wirft, deren originalen Gedankengebäude von einem Schiller und Goethe von der Gegenwart spottend, hämisch und voller Genugtuung eingerissen worden sind – weil sie lästig waren?
Der Befund wäre kaum ein anderer, hätte Borchmeyer dreitausend statt tausend Seiten auf dies Thema verwandt.

„Aydan Özoguz beschränkt sich nicht auf die Frage, ob es eine deutsche Leitkultur gibt, geben soll oder geben darf. Vielmehr stellt sie in Frage, dass es überhaupt eine deutsche Kultur jenseits der Sprache gibt. Selbstverständlich gibt es sie – wie ja auch, was nicht zu leugnen ist, eine französische, britische oder englische Nationalkultur jenseits der Sprachen existiert. „

Das stereotype Beweinen der vorgeblich unpassenden Bemerkung von Özoguz beweist nicht die Falschheit ihrer Aussage. Das gebetsmühlenartige Verneinen und kritiklose Wiederholen der substanzlosen Behauptung, es gäbe in der Tat eine „deutsche Kultur“ ist eine bei politischen Strategen sehr beliebte Vorgehensweise: das ständige Wiederholen einer Lüge macht aus ihr Wahrheit. Auch, wenn diese Wahrheit nur für intellektuell Eingeschränkte taugt und existiert. Denn sie repräsentieren nun mal die Mehrheit. Und die Mehrheit findet es toll, „Kultur“ für sich in Anspruch zu nehmen und tut dies auch dann, wenn da tatsächlich gar keine Kultur ist. Es ist einfach ein schöner Schein, ein trendiges Outfit und macht eine satte Selbstzufriedenheit aufgrund eines Überlegenheitsgefühls, dass seinerseits vollkommen ohne jede Substanz ist.

„Kultur ist mehr als Sprache, mehr auch als politische Kultur, Verfassungspatriotismus also und Grundgesetztreue. Sie ist ein Mosaik aus der Literatur, der Musik, der Kunst und der Philosophie eines Landes, das seinen gesamten geistigen und ästhetischen Raum umfasst.“

Da habe ich einen Kloß im Hals, wenn ich sowas lese.
Wie lange hat Sommer an dieser Formulierung geschraubt, damit sie derart eindrucksvoll gelingen konnte? Stunden? Seine Worte sind Balsam, sie heilen uns, sie geben uns den verdienten Thron im Kreise vergeistigter Kulturträger auf dem Olymp der Kultur.
Sie sind natürlich vollkommen inhaltsleer – aber sie klingen soooo schön, dass einem die Tränen kommen.
„Fuck ju, Göthe!“, ruft der Deutsche grinsend und mit hochgerecktem Mittelfinger Sommer zu. „Scheiß auf Schiller, vergiss Kant und all die anderen!“ setzt er hinterher.
Sommer bemüht tote Hinterlassenschaften, die für Archäologen von Interesse sein könnten – es aber nicht für moderne Bürger sind. Zugeweht von Schalke, Nike, Mallorca, und zugeparkt von Mercedes, Porsche & Co.

Es gab mal eine Zeit, da ein Gegenüber im Gespräch verlegen flüsterte, dass er nicht sehr viel Goethe gelesen hätte und dass das sicherlich ein Fehler sei. Heute bricht ein Gegenüber in breites Lachen aus und gibt einem das Gefühl, als habe man soeben im Büro auf dem Tisch stehend in den Papierkorb gepinkelt, wenn man verlegen lächelnd bekennt, Goethe zu kennen. Es wirkt ja geradezu peinlich, sich für deutsche Kultur zu interessieren. Heute kommt man besser in der Mitte deutscher Bürger klar, wenn man die Titelzeile der tagesaktuellen „BILD“ kennt und Goethe verleugnet.
Dummheit ist hip, Blödheit ist trendy – von Kultur keine Spur, höchstens von „Kultur“.

„Identitäten wandeln sich. An diesem Wandlungsprozess haben auch die Zugewanderten Anteil. Das waren viele in unserer Geschichte.“

Sommer möchte das Thema wie ein Segel etwas in den rechten Wind drehen und faselt plötzlich von „Identitäten“. Die haben natürlich mit der Frage nach „deutscher Kultur“ nichts zu tun. andere „Identitäten“ tragen in ihrem Herzen eine andere Kultur mit in dieses Land und nur die wenigsten von ihnen sind annähernd so dumm wie jene, die mit der Kriegsfahne ihrer „Kultur“ in der Hand die schiere Anwesenheit anderer Lebens- und Denkrezepte in ihrer Mitte bekreischen.
Das Buch von Goethe, das still in seinem Regal in der Bücherei wartet, wird nicht von Migration bekämpft – und auch nicht von den Nachfahren seines Autoren gelesen. Die Identität anderer ist kein Grund für den Untergang bzw. beinahe vervollständigte Nichtexistenz „deutscher Kultur“ und auch nicht dafür verantwortlich, dass die Menschen dieses Landes ganz freiwillig von allen Optionen und auch Disziplinen ihrer eigenen Kultur zurückspringen und eine „Kultur“ als inhaltsleere Monstranz anbeten, die auf ihrem kopfinternen Altar steht. Sie ist schön, diese Monstranz; goldschimmernd von der Leistung ihrer Denker. Aber sie ist leer.

Sommer hat Gauland einen großen Gefallen getan – ich denke, das wissen beide und der rechtsradikale Politiker dürfte seinem Geistesfreund für den kameradschaftlichen Dienst sehr dankbar sein.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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