Cassini-Huygens – und ein Nilkrokodil

Als die ganze Welt damals den Atem anhielt, war ich immerhin längst Schüler. Ich saß im Kreise von verwandten Kindern im Schneidersitz auf dem Teppich und war umringt von den Eltern, die wie wir auch gebannt und schweigend auf den Fernseher starrten. Und dann schnarrte es aus dem TV: „Dies ist ein kleiner Schritt für mich und ein großer für die Menschheit.“. Der Mensch hatte tatsächlich den Mond betreten.

Die Faszination für die Raumfahrt hat mich nie wieder losgelassen.

Einige Jahre später starteten die Voyager-Missionen und eine von ihnen trug neben einer echt goldenen Schallplatte viele Informationen über uns Menschen und unsere interstellare Kontaktadresse mit sich. Wiederum einige Jahre später startete die Sonde „Cassini-Huygens“ mit dem Ziel Saturn.

Aber was immer der Mensch mit all seiner Technik versuchte, wohin immer er Raketen startete – der Himmel schwieg.

Heute morgen sah ich auf arte eine Dokumentation, die sich mit dem Nilkrokodil befasste. Ich habe die Heimat der Tiere bereist und auch einige von ihnen sowohl mumifiziert als auch lebendig gesehen. Seit Jahrtausenden gilt es als bösartig, verschlagen und grausam und in der Tat sind sie zumindest ausgewachsen furchteinflößend. Sechs Meter lang, unter Wasser bis zu 32 Kmh und an Land immerhin noch 12 Kmh schnell, eine halbe Tonne schwer und mit einer beinah undurchdringlichen Panzerung besetzt.

Voyager, die Sonde mit unserer goldenen Botschaft, schießt seit nunmehr vierzig Jahren durch das Weltall. Sie passierte bereits einige Planeten, Monde und zahllose andere Himmelskörper und soll nun, nachdem der letzte Funkkontakt abgebrochen ist, unser Sonnensystem verlassen. Die Sonde bildete zusammen mit Cassini-Huygens und der zwischenzeitlich ebenfalls abgewickelten New-Horizon-Mission Taschenlampenstrahlen eines Menschen, der sich plötzlich in einer gigantischen und absolut dunklen Höhle wiederfindet.

Wer mit einer Feluke hoch oben im ägyptischen Süden über den Nil fährt, der sucht unwillkürlich vier verräterische Höcker, die in bestimmter Anordnung nur knapp über die Wasseroberfläche ragen – es ist nie unmöglich, dabei erfolgreich zu sein. Man zieht unwillkürlich jeden Finger aus dem Wasser wenn man weiß, dass neuntausend hochfeine Druckrezeptoren an den gewaltigen Kiefern der Krokodile auf weite Entfernung jedes Wasserkräuseln „hören“. Wer einmal ein Krokodil beim mehrere Meter hohen Sprung aus dem Wasser beobachtet hat, fühlt sich dann in kleinen Booten nicht sicher.

Gestern schickte das Jet Propulsion Laboratory von der NASA ihre mehrere Milliarden Dollar teure Cassini-Sonde auf einen Selbstmordkurs; da ihr Brennstoff völlig verbraucht war und sie dennoch vierzig Kilo hochstrahlenden Plutoniums an Bord hatte, musste sie sicher entsorgt werden. Das Plutonium wäre stark genug, jede Welt entsetzlich zu vergiften und so sollte sie sicher auf Saturn verbrennen. Dort wurde das Plutonium beim Absturz verbrannt. Zuvor kreiste die Sonde viele Male um Saturn, seine Ringe und seine Monde. Neben den bekannten wurden viele neue entdeckt und die Monde Titan und Enceladus lieferten erstaunliche Bilder und wissenschaftliche Daten.

Die Rückenpanzerung eines Nilkrokodils ist nicht etwa einfach nur Hornmasse. Sie ist durchzogen von einer feinen Maserung von Kapillargefäßen; aufgetaucht wärmen sie das aus dem Körper aufsteigende Blut auf eine perfekte Temperatur von 32 Grad. Das ist exakt die benötigte Wärme, mit der das Krokodil seine Muskulatur perfekt ansprechen und in einen Angriff mit maximaler Kraft und Geschwindigkeit umwandeln kann. Das macht die Tiere so gefährlich; selbst wenn sie an Land das Bild träger, schläfriger Echsen abgeben, sind sie innerhalb eines Sekundenbruchteiles hochgeschnellt. Ihr Angriff ist buchstäblich unwiderstehlich: ihr hohes Gewicht entwickelt die Kraft einer vorschnellenden Abrissbirne, ihre Kieferkräfte zählen zu den höchsten im Tierreich, ihre Panzerung macht sie unempfindlich und sie können ihre Ohren und Augen im Moment des Zuschlagens mit Panzerung abdecken und ins Innere des Schädels zurückziehen.

Viele der Welten, die alle Apollos, beide Voyagers, Cassini-Huygens und New Horizon untersucht haben, wären zumindest theoretisch dazu in der Lage, Leben zu tragen und wiederum viele von diesen besitzen Aminosäuren, Wasser, Kohlenstoffe und viele andere Materialien mehr, aus denen Leben besteht. So mancher Wissenschaftler saß angesichts der neuen Datenfülle da und konnte nicht fassen, dass er alles Erdenkliche, Unerwartete, Verblüffende entdeckt hatte – aber nie Leben. Mittlerweile haben wir einen ganzen Fahzeugpark auf den Mars verfrachtet, der jahrhundertelang Furcht und freudige Erwartung unter uns Menschen genährt hatte, weil er so lebensfreudig erschien. Ja. Es gibt dort Wasser. Aber soviel Sand auch durch die Röhrchen unserer Maschinen rann und analysiert wurde, es fand sich nie Leben. Kein Fossil zeigte uns, dass es dort wenigstens mal welches dort gegeben haben könnte.

Noch nicht einmal eine ruhige, unbewegte Wasseroberfläche taugt als Indiz, dass kein Krokodil genau unter einem sein könnte. Sie schöpfen mit einem einzigen Atemzug genug Luft, um sich eine halbe Stunde lang unter voller Angriffsfähigkeit unter Wasser zu halten, während sie unablässig auf Beute lauern. Intinktiv koppeln sie beispielsweise die Lunge vom Blutkreislauf ab, um den im Blut gelösten Sauerstoff vollständig den Muskeln zur Verfügung stellen zu können. Im Bedarfsfall aktivieren sie gewaltige Muskelpakete in ihrem Schwanz und verwandeln sich zu einem Torpedo. Die Ring- und Längsmuskeln darin führen zur Maximierung der Geschwindigkeit eine exakt abgemessene Sinusbewegung aus.

Cassini hatte den mitgeführten Lander mit Namen Huygens auf dem Saturnmond Titan abgesetzt. Bei Temperaturen von minus 180 Grad waren dort auf Fotos Seen auszumachen und man vermutet, dass es sich dabei um Methan handelt, das sich bei diesen Temperaturen wie Wasser verhält. Ein anderer Saturnmond, Enceladus, scheint beinahe nur aus Eis zu bestehen und in Form von Geysiren stößt er gewaltige Mengen davon ins All. Aber sowohl Titan als auch Enceladus sind tote Welten.

Unser Mond ist auch tot.

Insgesamt sind wohl tausende von Teleskopen auf der ganzen Welt auf hunderttausend Ziele im Weltall gerichtet. Seit hrzehnten lauern sie; riesige Antennenschüsseln strahlen Radiobotschaften und Millionen von Spektralanalysen liegen uns vor. Aber da ist nichts. Da ist niemand. Alles ist tot. Unsere wildesten Träume und Ideen zerstieben wie Schnee vor der Sonne. Kein Verdacht erhärtet sich … alles ist tot. „Ätsch!“, scheint uns das Leben eine lange Nase zu drehen, „Ätsch! Ihr seid auf dem Holzweg. Hört tauf zu träumen!“. Gerade in den letzten Jahren häuften sich Entdeckungen von Planeten in einer habitablen Zone, die den Verdacht auf flüssige Wassermengen zulassen. Aber da zeigt sich uns kein Leben – und in einer Zone, die in erträglichen Entfernungen lägen und mit unserer Technik wenigstens theoretisch erreichbar wären, schon mal überhaupt nicht. Man kann fast die knirschenden Zähne oder das Weinen der Wissenschaftler sehen, die so unglaubliche Lebensmengen im All unterstellen wollen. Da ist ….. nichts.

Das Nilkrokodil aber lebt. Es ist ein optimiertes Lebensrezept und wirkt seit Millionen von Jahren. Milliarden hochspezialisierter Körperzellen stimmen das Lied derir Einzigartigkeit und des Erfolges an. Es pflügte schon durch Flüsse, Seen und Ozeane, als es noch keine Menschen gegeben hatte.

So faszinierend all diese Blecheimer auch sind, die das Optimale dessen darstellen, was Menschen nur mit ihrer Intelligenz vermögen – sie zeigen uns doch nur eines: alles ist tot. Die Erde ist es nicht.

Und wieder wird der Heilige Qur’an wahr, der uns an sovielen Stellen mit beinah verzweifeltem Unterton mahnt: „Dies alles sind Zeichen. Wollt ihr nicht verstehen?

Nein. Es steht nirgendwo im Qur’an, dass Allah außer uns nichts und niemanden erschaffen hat. Aber ich lerne an Cassini-Huygens, all den vielen anderen Blecheimern und dem Nilkrokodil, wie wertvoll Allahs Schöfpung ist. Wie bedeutsam und groß, wie unwiderstehlich, perfekt und wunderschön Er unser Zuhause geschaffen hat – und wie einzigartig das Leben ist.

Wir sind allein. Und sind es doch nicht.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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