Meine Position zu Israel

Prolog

Wie ich erst als junger Erwachsener realisierte, hat ein guter Teil meiner Verwandtschaft, meiner Vorväter im seinerzeit von den Türken besetzten Teil Griechenlands seine Wurzeln. Nicht nur dieser Umstand, sondern auch viele meiner Lebenserfahrungen haben mich schon recht früh von Ressentiments freigehalten und mit nicht wenig Stolz kann ich sagen, dass ich alle Menschen vollkommen unterschiedslos nach ihren Taten, Worten und Gedanken bewerte – ganz gleichgültig, welche Farbe sie haben, welche Kleidung sie tragen, welche Sprache sie sprechen oder welcher Religion sie folgen. Als mich der Ruf ereilte und ich den Islam annehmen durfte, hat sich diese innere Haltung nur noch erheblich weiter verfestigt. Und viele Jahre später lernte ich, wie nahe sich die großen, monotheistischen Religionen sind – und seitdem verursacht mir die sich immer weiter verschlechternde Situation Schmerz. Ich verwehre mich dumpfem Judenhasses unter Muslimen und anderen ebenso wie ich nicht minder tragischen und falschen Rassismus und Faschismus unter Juden energisch zurückweise.

Ein Spot auf die Geschichte

Das Jahr 1492 hatte im Zuge der abgeschlossenen Reconquista in Spanien nicht nur massive Abwanderung von Muslimen, sondern auch Zwangskonvertierungen spanischer Juden zur Folge, die später trotzdem auf lodernden Scheiterhaufen endeten – als „Marena“ („Schweine“) bespuckt. Nur wenige Jahre später lebte kein einziger Jude, kein einziger Muslim mehr in Spanien – im sagenhaften Al-Andalus. Jeder Historiker pflichtet auf Basis nüchterner Faktenlage der Annahme, ja dem Traum bei, dass die Zeit von Al-Andalus die wohl mit Abstand glücklichste, reichste und friedlichste in der spanischen Geschichte war; kaum, dass die Christen den letzten Schwerthieb getan und das letzte Holz auf die Scheiterhaufen gelegt hatten, versank das Land.

Sehr viele der damals geflüchteten Muslime siedelten sich im neuen Istanbul an, das vom Sultan zum Mittelpunkt des Osmanischen Reiches erklärt wurde. Dort entwickelte sich wie an so vielen Orten ein lebhaftes, buntes und freies Miteinander; als Jahre später die nächste Auswanderungswelle rollte, die aus den letzten, überlebenden Juden Spaniens bestanden hatte, vervollständigte sich an manchen Orten in Nordafrika das Bild, welches für Jahrhunderte Bestand haben sollte.

Juden und Muslime bildeten eine schier unauflösliche Gemeinschaft; da sie miteinander beinahe ein identisches Gottesbild im Herzen tragen, fast den gleichen Speisevorschriften folgen, viele religiöse Festtage gemeinsam feierten, wollte und konnte sich die eine Gemeinschaft ein Leben ohne die andere nicht denken. Feindseligkeiten, Herabwürdigungen, Respektlosigkeiten zwischen beiden waren unvorstellbar.

Überall dort, wo Muslime herrschten und sich mit großer Selbstverständlichkeit nicht nur der geflüchteten Muslime aus Spanien, sondern später auch der Juden von dort angenommen hatten, erstreckte sich mit gleicher Selbstverständlichkeit auch der herrschaftliche Schutzmantel über sie. Bei genauerer Betrachtung erkennt man sofort, dass fast alle dieser Sultane in der Geschichte Juden zu ihren engsten Beratern machten.

Schuld an dem augenblicklichen, sehr blutigen und tränenreichen Desaster trägt Groß-Britannien. Es war ein entsetzlicher Fehler, aufgrund des in ganz Europa seit nunmehr Jahrhunderten grassierenden Antisemitismus‘ auf einen Schlag das soeben durch den gewonnenen Krieg gegen das Osmanische Reich errungene Protektoriat Palästina unter der Prämisse, einen explizit „jüdischen“ Staat zu errichten, abzugeben.

So wie es menschlich sehr leicht verständlich und nachvollziehbar ist, dass viele Juden nur zu gern das insgesamt gegen sie feindliche Europa in ein Gebiet verließen, welches ihnen durch ihre Spiritualität nahe am Wesen liegt, so hatte offenbar niemand die dort lebende Bevölkerung und deren Schicksal im Sinn. Niemand hatte die Palästinenser oder Araber allgemein im Vorfeld gefragt, wie ein erneutes, wie Jahrhunderte bewährtes Zusammenleben praktisch vonstatten gehen könne, wie ein gemeinsamer Staat errichtet zu werden habe, der in Frieden lebt und Frieden ausstrahlt.

Befeuert von britischen Truppen nahm die „Nakba“ (arab.: „Schande“) ihren Lauf – dabei hätte eine Frage, ein kurzer Blick in den Qur’an völlig genügt um zu wissen, was geschehen würde – denn Allah erlaubt den Muslimen den Griff zur Waffe und die Erhebung gegen den, der sie aus ihren Häusern vertreibt, weil sie Muslime sind. Wenn man damit gerechnet hatte, dass man nur ein paar Bauern umzusiedeln habe und der Rest schon freiwillig gehen würde, so spielten sich tatsächlich beim gewaltsamen Landraub erschütternde Szenen ab. Tausende und Abertausende wurden aus ihren Häusern, von ihrem Land gerissen, auf Lastwagen verfrachtet und in provisorische Zeltläger verfrachtet. Nicht selten kam es zu spontanen Erschießungen und zu ersten, tatsächlich staatsterroristischen Übergriffen.

Nicht etwa israelische oder gar jüdische Pfiffigkeit, Agilität, Macht oder Durchsetzungsstärke errang in den nachfolgenden Kriegen der arabischen Welt gegen das winzige Israel den Sieg, sondern nur die schier unvorstellbaren Waffenlieferungen aus westlichen Ländern. Hätte Israel allein dagestanden, es wäre längst und vor allem vollständig vernichtet worden.

Gegenwart

Die Schockstarre in der muslimischen Welt ist längst einer grassierenden, substanz- wie verstandeslosen Aggression in Form krudesten Antisemitismus‘ gewichen und die rassistische Hetze der israelischen Führung, die sich sogar über andersfarbige Glaubensangehörige erstreckt, mündet in mittlerweile großtechnisch angelegten Vernichtungsaktionen gegen das noch im Gaza-Streifen vorhandene, palästinensische Volk. In immer wiederkehrenden Wellen tötet dies durch seine Regierung extremistisch gewandelte Volk Israels Tausende.

Doch die Schockstarre verbleibt in den Köpfen derer, die noch immer Al-Andalus im Herzen haben. Sie treibt alten Marokkanern die Tränen in die Augen, die ihre einstige Nachbarschaft von Juden vermissen und seit Jahrzehnten die verlassenen Synagogen säubern und pflegen, weil sie auf die Rückkehr ihrer Nachbarn warten. Diese Schockstarre führt heute, im Sommer 2015, zu einer in Ägypten überraschend erregt geführten Diskusssion um eine TV-Serie über die Vergangenheit einer jüdischen Familie in Kairo.

Zwei, die einst Brüder waren und miteinander gelebt, gefeiert, gearbeitet und gelacht hatten, stehen sich heute blutend und tränenüberströmt einander gegenüber – waffenstarrend und Hass sprüht aus ihren Augen. Wie nur konnte es soweit kommen?

Es hilft alles nichts – es gibt nur eine Lösung

Und die kann nur noch heißen: ein Land. Lasst die Israelis ins Westjordanland, in den Gaza-Streifen und lasst die Palästinenser zurück in ihre Häuser oder gebt ihnen gleichwertige und ein bisschen Wasser, ein bisschen Land. Nehmt sie, Ihr Israelis, unter Euren Schutz und begrüßt sie als Brüder, so wie sie Euch jahrhundertelang begrüßt und als Brüder willkommen geheißen haben. „Judäa“ und „Samaria“ sind dahin; es gibt sie schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Es existiert kein „Kalifat“, kein Osmanisches Reich mehr – und so nehmt die Aufgabe endlich an, eine friedliche Heimat für alle zu errichten.

Nennt das Land gern „Groß-Israel“ – aber niemals einen „jüdischen Staat“, denn den gibt es nicht und es wird ihn nie geben. Vorher versinkt alles in Blut und Trümmern und es wird kein Jude mehr lebend dort angetroffen werden können; die Herauslösung, die Isolierung des Gebiets „Israel“ als ein ethnisch gesäubertes Land aus der Welt kann, darf und wird niemals gelingen.

Juden und Muslime sind gute, enge Geschwister und weit mehr als nur einmal ist der eine für den anderen eingestanden. Es muss – es kann wieder so sein.

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